sans souci: four phases of omarska

Master design studio 03
Graz University of Technology
Winter term 2016/2017 
Location: Omarska and Trnopolje in Bosnia & Herzegovina

A   S P E C I A L   T H A N K S   T O   E V E R Y O N E   I N V O L V E D

Supervision
Milica Tomic, Simon Oberhofer, Lidija K. Radojevic, Dubravka Sekulic and Daniel Gethmann 

Students
Amina Abazovic, Dzana Ajanovic, Ajna Babahmetovic, Therese Eberl, Helena Katharina Eichlinger, Angelika Hinterbrandner, Muris Kalic, Aldin Kanuric, Anousheh Kehar, Amir Ihab Tharwat Kozman, Ina Barbara Lichtenegger, Hilette Lindeque, Melissa Muhri, Alisa Pekic, Tina Petek, Andrea Pekovic, Clara Primschitz, Philipp Sattler

Kindly supported by
Srdan Hercigonja, Andrew Herscher, Sudbin Music, Satko Mujagic, Berina Ramic, Milorad Kremenovic and Namka Konjevic

D E S C R I P T I O N

Sans Souci: Four Phases of Omarska looks into a novel, contemporary species of detention and concentration camps. It reflects their socio-political and urbanistic role in the reproduction of contemporary capitalistic societies under the on-going state of emergency. The Sans Souci project investigated still not sufficiently explored urban structures that emerged in post-war Bosnia and Herzegovina. We argue that the new forms of urbanism and sociality emerging in this post-conflict society are informed by a new configuration of the camp established during the wars of the 1990s.

MA Students of the Institute of Contemporary Art at the Architecture Faculty at the Graz University of Technology, explore the architecture of the camp that is deeply entangled with everyday urban structures, and as such outlives and continues to endure through the new forms of urbanity, economy, and socialisation in the period of post-war transition. Taking Trnopolje and Omarska camps that are placed in the heart of northern Bosnia, as the symbolic locus, and the basis for a projective image, students reflected crucial social processes that are conditioning the present state of global societies. In this light, they also explored the relations between these camps and refugee camps created in recent years in Jordan, Turkey, and Greece for Syrian, Iraqi, and Afghani refugees.amework of the exhibition, by exhibiting their works, research, and investigation in process, students established a space for inquiry and learning.

A D D   O N

The "Sans Souci: Four Phases of Omarska" studio was exhibited at HDA Graz as a continuation of the students’ lab and the work by artist Milica Tomic at "Body Luggage", the central exhibition in the frame of the Steirische Herbst festival curated by Zasha Colah at the Kunsthaus Graz.

exkursion_sans souci_ahinterbrandner_10_1170x725exkursion_sans souci_ahinterbrandner_10_1170x725

In wie weit muss man sich im Rahmen von Architektur mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen? Überspitzt formuliert: Ist Politik überhaupt ein Thema das uns als Architekten betrifft? Mit „Sans Souci: Four Phases of Omarska“ widmete ich mein letztes Masterstudio der Analyse von urbanen und soziopolitischen Strukturen Bosnien-Herzegowinas‘ der 90er Jahre. Gebauter Raum, der weit über Architektur hinausgehen kann, sich aber doch in seiner Essenz in ihr manifestiert.

„Sans Souci“, versprach der Titel des Studios zu Beginn des letzten Semesters. Hinter der mehrdeutigen Sorglosigkeit des Titels verbarg sich ein Studio, dass sich thematisch mit Konzentrationslagern im Nachkriegsbosnien der 90er Jahre auseinandersetzt. Keine klassischen Lager, wie man sie aus dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung hat, sondern eine neuartige Form von Camps, oft bezeichnet als Flüchtlingslager, verkannt in ihrer Form und Funktion. Im Rahmen des Studios wurden Konzepte dieser Lagerarchitektur hinsichtlich ihrer urbanen und sozialen Einflüsse analysiert, besucht, besprochen, verglichen, reflektiert und ausgestellt.

Ein wesentlicher Bestandteil des Studios war die Exkursion nach Bosnien & Herzegowina. Gemeinsam fuhren wir zu zwei Schauplätzen des Kriegs die bis heute in Kunst und Architektur weder richtig dokumentiert noch aufgearbeitet sind: Omarska und Trnopolje, zwei Kleinstädte ganz im Norden Bosniens – der so genannten Republika Srpska – gelegen. Die Namensgebung der Region lässt bereits erahnen wie komplex die politischen, geografischen und kulturellen Verflechtungen der Ethnien in dieser Region selbst 16 Jahre nach Kriegsende noch sind. Man fährt von einem Dorf mit kyrillischer Schrift zum nächsten mit arabischen Schriftzeichen, von bewohnten Halbruinen in der weiten Landschaft zu verdichteten Neubausiedlungen, die genauso in österreichischen und deutschen Speckgürteln zu finden sind.

Omarska beheimatet seit 1985 ein ausgedehntes Minengelände, der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Die Gebäude, die zum Abbau von Eisenerz vorgesehen waren, wurden ab 1992 umgenutzt zu einem Gefangenenlager. Mit ArcelorMittal, einem transnationalen Player in der Stahlbranche, kehrt 2004 der Erzabbau zurück. 2007 wird das Terrain zum Drehort für den blutigen Mittelalter Epos Saint Georg Slays the Dragon. Bedeutung und Wichtigkeit von Erinnerung und Erinnerungsarbeit stehen dabei nie zur Diskussion. Der letzte Überrest der Lagerzeit ist ein kleines weißes Haus, das unberührt, wie ein Fremdkörper, neben den großen Hallen steht.

photographic impressions of the excursion

Vor allem diese am Fall von Omarska beschrieben Bedeutungsüberlagerung in der Architektur und die Verschmelzung von politischen Entscheidungen und deren räumlichen Auswirkungen sind es, die uns das ganze Semester beschäftigen. Die Typologie des Lagers und der eingeschriebene Zwang, der auch durch räumliche Konfiguration auf Individuen ausgeübt wird, sind bedrückend. Wir fahren weiter. Eine weitere Station ist ein Massengrab in der Leere der Landschaft. Nichts als ein dezenter Stein weist auf das weite Feld voller Leid hin.

„Besuch eines Massengrabes in muslimischer Siedlung. Leeres Feld, weißes Denkmal mit Inschrift. Sudbin erzählt. Gefühlsschranke. Die Möglichkeit des Entkommens liegt darin, nicht mehr zuzuhören. Der Blick durch die Kamera schafft Distanz, aber später werden wir durch die Fotos nochmal erleben. Wir spazieren zurück zum Auto. Halten an einem muslimischen Friedhof, anderes Denkmal, Moschee. Dämmerung. Wir fahren zurück in unsere Bleibe, Kuca Mira, House of Peace. Ankunft und Diskussion im Wohn- und Rauchzimmer. Teilhaben? Drückendes Unwohlsein. Drang zum Alleinsein, Herunterschlucken einer Überwältigung, Kapitulation vor dem Grauen der Vergangenheit. Verschiedene Formen, zu verarbeiten, nicht die Ausgehmeile von Kozarac. Einige brauchen Ruhe.“

– Auszug aus der performativen Abschlusspräsentation im Haus der Architektur Graz.

Aber es geht nicht nur um Architektur. Ein weiterer Aspekt, um den sich viele Gedanken und Diskussionen drehen, ist der Umgang und die Kommunikation des Erlebten. Sowohl unsere eigenen Recherchen und Erfahrungen, als auch die von Zeit- und Augenzeugen sollen für die abschließende Präsentation aufgearbeitet werden. Wie geht man mit einer solchen Verantwortung um? Kann man objektiv Darstellen was geschehen ist? Muss und darf man das überhaupt? Wie kann man den Kreislauf von Viktimisierung durchbrechen? – um nur einige Fragen zu nennen die in der Gruppe diskutiert wurden.

Schlussendlich haben wir uns für eine minimalistisch-subtile Form der Darstellung unserer Eindrücke entschieden. Wenige Videos, einige Interviews, Skizzen und Fotos die bruchstückhaft abbilden, aber erst in ihrer Gesamtheit einen Eindruck entstehen lassen. Anstatt Ergebnisse auszustellen, rückten vielmehr die Werkzeuge unserer Recherche in den Vordergrund. Zur Ausstellungseröffnung gab es eine Performance, mit der wir die Besucher ein Stück mitgenommen haben auf unsere Reise. Durch eine Mischung aus Rezitativen, freien Erklärungen und diskursiven Elementen gewährten wir nicht nur einen Einblick in unser Studio, sondern hatten auch die Möglichkeit, Menschen eine Stimme zu geben, die bis heute nicht gehört werden.

exhibiting as a research practice at HDA Graz

“While there is no memorial for the war in the 90s, the memory of the 2nd World War is ideologically revised. Memory -- How and what people remember -- is a strong instrument in the days of information overflow, fake news and social media. Watching the monument, we understood that memorials are not just a space for intimate reconciliation with the past, but also an important tool for present politics. How do we perceive the world, if there is no place for memory? How do we perceive the world if there is no place to bury the hatred? …if there is no place for processing?”

– Auszug
aus der performativen Abschlusspräsentation im Haus der Architektur Graz.

Das Studio setzte sich nicht mit klassischer Architekturproduktion auseinander, sondern vielmehr mit Bedeutungsebene und Wirkung von Architektur. Fernab von atmosphärischem „Architekturporno“ wie man ihn aus vielen Entwurfsstudios kennt, ging das Studio den verdrängten, dunklen Seiten von Raum und seiner Tragweite für jeden Einzelnen auf die Spur. Ich kann für das gesamte Studio sprechen, wenn ich das vergangene Semester als eine außergewöhnliche Erfahrung bezeichne. Thematisch natürlich, ob der Schwere des Themas, aber auch besonders wegen der intensiven theoretisch diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Ausstellung „Sans Souci: Four Faces of Omarska“ im Haus der Architektur Graz (HDA) war eine Fortsetzung der Body Luggage Ausstellung von Milica Tomic, die während des Steirischen Herbstes 2016 im Kunsthaus Graz gezeigt wurde. Im Rahmen des Studioformats, wurde Recherche und Forschung im Prozess von Reflektion und Erkenntnis gezeigt. Ein offene Plattform des Vermittelns, Verstehens und Fragens wurde geschaffen, um dem lange verdrängten und verschwiegenen Thema einen Raum für Aufarbeitung zu geben.